Immer mehr Technik hält Einzug in das tägliches Leben – und raubt nebenbei die Vorstellungskraft und lässt gegenüber echten Gefühlen abstumpfen.
Schon im Kindesalter hat es die Vorstellungskraft heute schwer, sich durchzusetzen. Playstation, Fernseher, Computerspiele, Kino – fertige Geschichten, fertige Bilder, knallbunt und laut – vorgekaut. Man braucht nicht viel Vorstellung um das zu verarbeiten, sofern es denn überhaupt verarbeitet wird. Das vielfältige Erfahren des Lebens verkommt zum unreflektierten Konsum. An Stelle der Gute-Nacht-Geschichte tritt die Gute-Nacht-DVD, der Sonntagsspaziergang muss der Nintendo Wii weichen – denn Bewegung ist immerhin wichtig.
Es entfällt jede Notwendigkeit, sich selber etwas vorstellen zu müssen. Die Fähigkeit, neue Zusammenhänge aufzufassen und umzusetzen bildet sich nicht weiter. Die Phantasie bleibt auf der Strecke. Ein herzliches Gefühl für die Natur um uns und für die Mitmenschen bleibt aus. Dabei sind all dies wichtige Komponenten der Menschwerdung. Wer kompliziertes Neues nur schwer begreifen kann, auch im Leben Probleme damit haben, komplexere Sachverhalte zu verstehen, die nicht in die simple Welt der Unterhaltung passt. Mit der Phantasie entfällt die Möglichkeit, neue Lösungen zu finden, das eigene Umfeld kreativ zu gestalten. Und ohne ein inniges Verhältnis zu Mitmenschen und Natur entfällt der nötige Respekt – Ausnutzung beider ist die Folge.
Deshalb gilt es, Wert zu legen auf Vorlesen, Spazieren gehen, Erklären, Achtung vor der Umwelt vermitteln. All das ist natürlich zeitaufwändiger als einen Film einzulegen oder die Playstation anzuschließen. Aber diese Zeit ist wichtig, denn “Ihr geht mit der Welt um, als hättet ihr eine zweite im Keller!” – zu Umweltschutz gehört auch das anschauliche Vemitteln solcher Werte an die nachfolgende Generation.
Aber auch nach der Kindheit stellt sich die Technik der Vorstellungskraft in den Weg. Digitalphotoapparat, hochauflösend, genug Speicherplatz um an einem Abend tausend Aufnahmen zu machen. HighDefinition Videokameras, der gesamte Urlaub in bewegten Bildern auf der Festplatte. In den wenigen Fällen findet eine Auslese statt. Wo früher einige, sorgfältig ausgewählte Photographien einer Feier ins Album eingklebt wurden, werden heute hundert Bilder ins Internet geladen. Der Platz für Geschichten um die Bilder wird eng, wenn alles lückenlos dokumentiert ist. Das Ereignis wird durch die Flut von schlecht gemachten Photos regelrecht entzaubert.
Es gilt keinesfalls, neue Technik zu verteufeln. Aber sie darf die Vorstellungskraft nicht rauben, darf nicht von der Umwelt entfernen. Also schaut euch “Neues von uns Kindern aus Bullerbü” im Kino an, vergesst nicht Astrid Lindgren, Erich Kästner, Otfried Preußler, macht schöne Photos – und geht raus in die Natur! “Ich weiß nur eins, ich wünsche allen Kindern auf der Welt, [..] Eltern, die aus diesem Holze sind.” singt Reinhard Mey in Zeugnistag.